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Zurück im Wilden Westen

by sludgefishing

LEX, 05.10.10

Void
4,6
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Bist du gelähmt. Eine oft von mir eingesetzte Phrase, um ein Momentan-Erlebnis als absolut sensationelle Situation zu umschreiben. Einfach so dahergesagt. So auf die Art wie "bist du deppat!". Arg, extrem, kaum mental zu verarbeiten.

 Doch diese Hinterhalts-Metapher hat auch ihre anderen Seiten. In diesem Falle müsste ich nach unserem Ausflug nach Bratislava wohl etwas in die andere Ecke greifen. Bist du gelähmt? Das nicht, aber fast. Alter Schwede. Ich kanns euch sagen. Ich hab all meine Sünden abgebüßt. Hundertfach. In aller Herrgottsfrüh aufstehen, mit dem Fischbrutkiller und von allen Anglern gehassten Darth Vader der Donauschiffe Twin City Liner und der Isa nach Bratislava. Dort mit meinen abgetretenen Asphalt-Surfern den ganzen Tag auf den Beinen. Kultur, Einkaufsstrassen, Sehenswürdigkeiten. Der erste Weg, das erste Ziel, gleich mal auf die Festung, wurde ansatzlos zur ersten Sonderprüfung. Wer hätte das gedacht...Zuerst wurde natürlich ultimativ das Maul aufgerissen. "Na sicher nicht. Bevor i in so an Clowndeppen-Touristen-Zirkuswaggon eisteig, geh´i liaba zfuass zur Burg!". Das brauchte ich meiner pilgerwanderungsgeeichten Isa nicht zweimal sagen. Der Weg war lange, böse und steil. Schon bei der Hälfte hab ich mich selbst verflucht. Den Rucksack am Buckl, die qualmenden Gummisohlen meiner ausgelatschten Vans schienen bereits am Beton klebenzubleiben, setzte ich schwermütig einen Fuß vor den anderen. Fast wie in der Everest-Doku. Ich Voitrottl. "Bimm-BIMM!" Und schon überholte uns bergauf die knallrote Pseudolokomotive, die ein schnauzbärtiger, grimmig dreinblickender Lenker steuerte, während im einzigen Waggon ein Haufen fetter, alter Weiber saß und blöd grinsend in die Gegend stierte. Ich hasse euch. Innerlich hätte ich mir zu diesem Zeitpunkt vermutlich noch eine Eselsmütze aufgesetzt und wäre laut trötend zu den Damen eingestiegen, um nicht weitergehen zu müssen. Äusserlich wär ich vorher am Wegesrand verhungert, als mir diese Blösse zu geben. Irgendwann hatten wirs dann tatsächlich geschafft und dann kam das M.C.Escher-Dejavue. Wir umrundeten einmal das Bauwerk und das Beste daran war -> Es ist immer bergauf gegangen. Oidaaaa, wie gibts des? Ich flippe aus. Schon jetzt spürte ich ordentlich meine Waden und meine Fußsohlen sangen bereits das Lied der Kalahari.Und das war erst der Anfang. Aber wenn wir schon mal da waren, wollten wir auch was sehen. Die Isa zumindest. Oft genug war sie in unserem Leben wegen mir Kompromisse eingegangen, sodaß es nur allzu gut verständlich ist, daß ich auch mal mache, was sie gerne tut. Nur so kanns funktionieren. Also hab ich mitgespielt. Ich armes Schwein. Wenns nur nach mir gegangen wäre, wäre ich von der Bank beim Wirt´n, wo wir sehr gut zu Mittag gegessen haben, bis zur Heimreise nicht mehr aufgestanden. Ich hätt´s problemlos ausgesessen. Doch weit gefehlt. Nach dem Essen wieder runter zur Donau und über eine scheinbar unendliche Brücke auf die andere Seite. Ich hab gleich mal im angrenzenden, riesigen Park eine halbe Stunde Schlaf gebraucht. A Wahnsinn. Dann alles wieder retour. Ein Königreich für einen Rollstuhl hätte ich gegeben. Das war Hardcore. Echter. Und ich schwöre euch ... als wir spätabends endlich mit der U-Bahn wieder daheim in unserer Station eingefahren sind, war ich mit der Welt am Ende. Das Schlimmste waren mit Abstand meine Fußsohlen. Wie ein 100jähriger Greis bin ich gebückt auf den Bahnsteig gestiegen. Da mussten mindestens die ersten 4 Hautschichten fehlen. Absoluter Wahnsinn. Zittrig und wackelig hat mich die Isa dann in in die Wohnung geschleppt. Mit Schaudern erwartete ich den Moment des Schuheausziehens. Mein Geist hatte sich bereits die Bilder von blankem, blutendem Fleisch zusammengepinselt, daß mir in Fetzen gleich entgegenstarren würde. Und? Na, nichts war. Eh logisch. Ich bin einfach verweichlicht. Na gut. Weich, aber endlich daheim. Ich hatte es geschafft. Und jetzt gings 3 Tage an die Schottergrube, wo ich mich wie eine Kellerassel hinknotzen und nur bewegen würde, wenn es absolut sein musste. Da war die Rüsslerjagd in "Schrebergarten-Sweetspring" gerade recht.Zurück im wilden Westen mussten sich die letzten Blatt-Wanzen im Jahr auch mehr bewegen wie ich, denn bisstechnisch herrschte absolute Flaute. Was sich jedoch die ganze Zeit ordentlich bewegt hat, waren die Baumwipfel und die Wasseroberfläche, denn wir hatten im Unterscheid zum Wochenende ganz andere Windbedingungen. Kategorie bösartig. SüdOst-Brutal-Orkan. Somit am Westufer kontinuierlich frontal in die Fresse. Nicht gerade die kommote Abteilung. Normalerweise war dies jedoch der sogenannte "fängige" Wind, über den man eigentlich dankbar sein musste. Pffff. Aber da ging nichts. Gar nichts. Nicht auf den obligaten Spots in der Ferne, nichts im Tiefen, nichts auf den Bänken, noch auf der Kurzdistanz. Es war zum Heulen. Kalt, windig, bisslos. Ein wenig hätte ich mich nun doch schon gern bewegen müssen. Ausser beim Werfen und füttern.
Drill heisst das, glaub ich.Auch wenn so manch Sonnenuntergang für die fischlosen Wartestunden entschädigen mag, war ich nun doch schon so weit, daß ich in der Nacht nicht mehr die Monstermurmeln von Golfballgröße montierte. Wo war dies gelbe Gesindel schon wieder unterwegs? Um die Jahreszeit sollten die normalerweise fressen wie die Scheunendrescher. Nur wo? Offensichtlich nicht im wilden Westen, wo der Wind laut Lehrbuch die Nahrung hintreiben musste. Bitte; Ich will nur Einen ... es muss kein Gewaltfisch sein. Auch kein Zweistelliger. Nur ein netter, feiner Rüsselfisch. Nur Einen. Bitte. Ich brauche ihn so sehr. Warum? Tja. Ich kann es nicht wirklich erklären, aber ich bin auch heute noch so, daß ich lieber nicht blank heimfahre. Komisch. Das vergeht auch nach all den Jahren nicht ...
Na, mir is ned wurscht, ob i wos faung oda ned ;)
Nach einer langen, kalten, abermals aktionslosen und stürmischen Nacht sind die Isa und ich wieder mal beim Frühstück gesessen und die gefühlten Aussentemperaturen waren trotz strahlender Sonne jenseits von Gut und Böse. Handschuhe wären ein Hit gewesen, aber wer denkt Ende September an sowas. Die Wenigsten. Und als wir so knotzen, hören wir in unmittelbarer Nähe plötzlich ein Schnauben. Wos isn do jetzt los? Klingt wie a Gaul?! Wie auf Ansage schiebt sich die lange Nase eines weissen Pflasterhirschen durchs hohe Gras oberhalb unseres Platzes. Whauuuuu. Was macht der da? Der muss irgendwie aus dem Gatter entkommen sein. Unpackbar. Ein weisses, großes Pferd mitten auf unserem Platz. Wie im wilden Westen eben.Jawohl. Da hat die Isa auch erst mal geschaut, als neben dem Weissen auch noch ein dunkelbrauner Schädel aufgetaucht ist und zu uns runter gewiehert hat. Pfff. So. Was machen wir jetzt. "Na geh Alex, fangs einfach ein, bring sie zur Koppel wieder vor und sags dem Besitzer, hihi - Bist eh der Pferdeflüsterer" - MUAHAHAHHAAHH - Na genau - fangs einfach ein. Wie denn? Mit dem Kescher? Oder ich laufe einfach an, schwinge mich in Winnetou-Manier auf den Rücken des gewaltigen Rosses, fange mit dem Lasso den Zweiten und reite auf lässig zurück. Bereits als sich die Isa wegen ein paar Fotos annähern will, zeigen sich die beiden Ausbrecher gar nicht wirklich entzückt. Uhhh. Da wurde gleich mit den Hufen gescharrt und seltsame Geräusche von sich gegeben, die nicht nach Liebe geklungen haben. Die haben einfach in aller Ruhe gegrast und wollten dabei offensichtlich gar nicht gestört werden. Soviel hab ich schon aus der Gaulsprache rausgehört. Fangen...zzz...Na bin i deppat? Einen Pudel OK - aber so ein brandgefährliches, wildes Riesenstreitross sicherlich nicht. Sollen die Beiden machen was sie wollen.
Die werden schon nichts anstellen ...Und dem war auch so. Als die Zwei aber nach 4 Stunden immer noch da waren und meinen Heimweg blockierten, hab ich angefangen mir ernsthaft Gedanken zu machen. Was ist, wenn die in ein paar Stunden immer noch da sind und ich mit dem Auto anrücke? Das würde denen wohl gar nicht gefallen. Aber vorerst war noch ein wenig Zeit. Zeit die ich nutzen konnte, abermals alle Register zu ziehen, um doch noch zu meinem Fisch zu kommen.Der Wind blies nach wie vor wie wenn es kein Morgen gäbe und ich konnte nun nur mehr eins versuchen, auch wenn die Chancen auf Erfolg offensichtlich gering erschienen. Ich fische direkt an meiner Uferkante. 2 Meter vorm Schilf. In etwa 2,5m Wassertiefe. Ein paar Handvoll Murmeln mit der Hand nachgeworfen und warten. Tatsächlich rührt sich kurz darauf nach zweieinhalb Tagen das erste Mal der Swinger und ich kann ein herrliches PIEP in meinen Lauschern empfangen. JAAAAAAAA. KUMMM! 2 Minuten später kann ich meinen ersten Sweetspring-Kugel-Brachsen vom Haken befreien. Nach 3 Jahren. Gestört irgendwie.Nachdem der legendäre Moment mittels Kamera festgehalten war, wurde der Weisse wieder in die Fluten entlassen. So, und jetzt schick deine gelben, großen Kameraden. Wieder versenke ich die Montage an besagter Stelle, schaue zwischendurch immer wieder nach den grasenden Gäulen, die aber nach wie vor wie angewurzelt an ihren Plätzen stehen und fressen. Scheisse. Die Rösser werden hoffentlich nicht wirklich zum Abenteuer. Doch inmitten meiner Lösungsideen-Spinnerei durchbricht ein Dauerton meines Empfängers die WildWest-Stimmung. Vollrun auf der Schilfrute. Mit wenigen Sätzen bin ich beim Stock und nagle den Eingestiegenen ans Band. Bist du gelähmt. Da haben wir es wieder - diesmal die Standardvariante. Der hat an der Schilfkante wirklich in die Vollen gelangt und bereits nach der ersten Flucht hab ich mit krummer 3,25lb Rute in Händen gewusst, daß dies kein 3er ist. YES! Immer wieder prescht der Kollege an der gewachsenen Wand entlang und fordert mich und mein Gerät. Doch alles geht glatt und dann hab ich es im Kescher. Ein feines, kampfstarkes, kompaktes, wohlgeformtes und ästethisches Schuppenschwein. In meinen Augen das optische Sinnbild eines Karpfens schlechthin.
Einfach nur geil...Zweieinhalb Tage bösartige Warterei sind wie weggeblasen. Als hätten sie nie stattgefunden. So schnell kanns gehen. So einfach. Immer wieder die mentale Achterbahn. Wie durch ein Wunder waren auch die beiden Rösser verschwunden, als ich 2 Stunden später mein Tackle befriedigt ins Auto lud. Na gut, die wären ja ohnehin kein Problem gewesen. Die hätt´ ich einfach gefangen, zur Koppel zurückgebracht und dem Besitzer Bescheid gesagt. Eazy Job. Jaja, der wilde Westen. Schön wieder daheim zu sein ...
tight lines
Sludge



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