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6_kg_monstercrab_snowman

Wiedersehen macht Freude

von Daniel Polsinger

Polsi, 15.09.08

Void
5,2
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Als ich an diesem Septembernachmittag – es sollte einer der letzten heißen Tage in diesem Jahr sein – mein Boot mit meiner Ausrüstung belud, um damit auf „meine“ Stelle zu schippern, ahnte ich noch nicht, welche Überraschungen mir die bevorstehende Session bereiten würde.

Ich angelte schon das ganze Jahr über mindestens für eine Nacht pro Woche an der selben Stelle, bei der ich mir ziemlich sicher sein konnte, dass sie kaum ein anderer Angler befischte. Auf diese Weise konnte ich den Spot regelmäßig befüttern, was den Fangerfolg in den letzten Wochen zugute kam. Nach einer fast zweimonatigen Durststrecke im Mai und Juni konnte ich nun bei jeder Session mindestens einen Karpfen landen. Richtig kapitale Brummer waren zwar nicht dabei, aber wenn ich bedenke, dass dieses Gewässer eine Fläche von 10,5 Quadratkilometern aufweist und aufgrund der Größe und der weit verstreuten Fische sehr schwer zu beangeln ist, war ich dennoch sehr zufrieden mit meinen Fängen. Gerade letzte Woche konnte ich einen schönen Spiegler mit neun Kilo überlisten. Es konnte also viel schlimmer sein, wie die letzte Saison mit genau einem gelandeten Karpfen bewies.
 
Mir tat es leid, dass ich an diesem Tag alleine ans Wasser musste. Keiner meiner Angelkollegen hatte Zeit, aber das konnte mich nicht davon abhalten, es wieder an dieser Stelle zu versuchen. Nach dem mühevollen Ausladen des Tackles machte ich mich ans Markieren des Futterplatzes. Am Rande einer Sandbank, wo der Grund von einer Tiefe von wenigen Zentimetern auf etwa zwei bis zweieinhalb Metern abfiel, setzte ich meine Stabboje. Da ich vermutete, dass die Fische derzeit gut Fressen würden, fütterte ich mit reichlich gequollenem Mais, etwa einem halben Kilo Boilies, zwei Kilo Forellenpellets, die sich unter Wasser rasch auflösen und einem halben Kilo Marine Halibut Pellets von Dynamite.
 
Der Spot war präpariert, nun musste noch die beiden Montagen ausgebracht werden, was sich gar nicht so einfach gestaltete. Werfen war aufgrund der Distanz von etwa 120 Metern nicht möglich, also musste ich sie per Boot auslegen, was zu zwei ein Kinderspiel, allein aber ein schwieriges Unterfangen ist. Meine letzten Versuche mit eingeschaltetem Freilauf und der Rute am Ufer führten zu schwersten Verdrallungen der Schnur, also schnappte ich die Rute, fuhr damit an den Spot, legte die Montage ab und fuhr mit geöffnetem Rollenbügel wieder zurück ans Ufer. Nachdem beide Montagen ausgelegt waren, plagte mich dieses seltsame Gefühl, dass mit den ausgelegten Montagen etwas nicht stimmen könnte. Das kennt wohl jeder Angler, und meist trifft es auch zu. Nach einigen Stunden hielt ich es nicht mehr aus und musste kontrollieren. Mein Gefühl gab mir recht: Die linke Rute hing fest! Bombenfest. Ich musste ins Boot, um den Hänger zu lösen. Ein mit Muscheln übersäter Stein, an dem sich mein Haken verkeilt hatte, kam zutage.
 
Es war Dämmerungszeit, als die Montagen – bewaffnet mit PVA-Säcken – endlich genau so lagen, wie ich es mir vorstellte. Die heiße Zeit konnte beginnen, denn Bisse vor Mitternacht sind an diesem Gewässer eher selten. Kurz nach zwölf übermannte mich der Schlaf auf meiner Liege, doch schon zwei Stunden später wurde ich vom Dauerschreien meines Bissanzeigers aufgeweckt. Völlig überrascht kämpfte ich mich aus dem Schlafsack und lief zur Rute. Währenddessen versuchte ich, die Stirnlampe einzuschalten und schlug sie mir versehentlich vom Kopf. Doch es half nichts, ich musste zur Rute, denn der Fisch riss immer noch Schnur von der Rolle. Ich schlug an – und hing fest. Schlimmer konnte es nicht sein. Ich stand mit einem Mordshänger und ohne Lampe in der absoluten Dunkelheit und wusste nicht einmal, ob ich den Fisch schon verloren hatte oder nicht. Was also tun? Vielleicht hatte ich ein Feuerzeug eingesteckt, mit dem ich die Kopflampe suchen konnte, doch auch dieser Gedanke entpuppte sich als Fehlanzeige. Ich lockerte die Bremse und ging mit der Rute in der Hand rückwärst zu meinem Schirmzelt, wo ich meine Taschenlampe in die Hand bekamt. Mit ihrer Hilfe war die Kopflampe schnell gefunden und aufgesetzt. So, Licht hatte ich wieder, doch an der Rute rührte sich immer noch nichts. Wahrscheinlich hatte sich der Karpfen in einem der von Dreikantmuscheln besetzten Ästen verschanzt. Hoffentlich hielt meine Schlagschnur!
Ich musste also wieder ins Boot und ging ein paar Schritte nach rechts zu eben diesem. Mit einer Hand machte ich das Seil los, doch der Richtungswechsel bewog den Karpfen, der glücklicherweise noch hing, dazu, sein Versteck aufzugeben. Die Rute verbeugte sich und die Bremse surrte! Glück gehabt, ich konnte ihn vom Ufer aus drillen und musste nicht in der Nussschale bei Nacht und Nebel allein am See herumfuhrwerken. Nach einigen kräftigen Fluchten bekam ich den Fisch relativ problemlos ans Ufer, wo er noch mal richtig Gas ab. Er drohte, unter die Büsche zu meiner Linken zu flüchten. Geistesgegenwärtig zog ich mir einer Hand meine Socken aus, schlüpfte in die Schlapfen und begab mich mitsamt Kescher ins kühle Nass. Da sah ich ihn vor mir: Es war ein ansehnlicher Spiegelkarpfen, und keiner von den Kleinen! Ich hatte abermals Glück, denn schon beim ersten Kescherversuch hatte ich ihn. Auf der Abhakmatte dachte ich schon, endlich die 10-Kilo-Grenze überschritten zu haben, doch es waren wieder „nur“ neun Kilo. Dennoch konnte das meine Freude nicht trüben. Schnell machte ich zwei Selbstauslöserfotos und entließ den Fisch danach wieder in sein Element.
  
 
Jetzt hatte ich mir eine Siegeszigarette verdient. Mittlerweile war der nächtliche Nebel noch stärker geworden, und ich überlegte, ob ich die Rute wieder auslegen sollte. „Klar, schließlich bist du doch zum Karpfenangeln hier“, dachte ich. Schnell ein neues PVA-Sackerl vorbereitet und rein ins Boot. Gerade als ich mich vom Ufer abstieß, drang ein einzelner Piepser an mein Ohr. „Die zweite Rute – das gibt’s doch nicht“, dachte ich mir. Es gab noch einen Piepser und dann einen Vollrun – und ich saß im Boot. Natürlich passiert so was nie, wenn man zu Zweit angelt, aber kaum ist man einmal allein… Panisch versuchte ich, wieder ans Ufer zu kommen, doch das hätte zu viel Zeit gekostet. Also sprang ich aus dem Boot ins Uferwasser und zog es zurück ans Ufer. Ich kam gerade rechtzeitig zur Rute, denn nach der Kontaktaufnahme erfolgte gleich wieder eine kraftvolle Flucht. Ich merkte, dass der Fisch kleiner sein musste, als der vorherige, aber auch er bot einen schönen Kampf. Ins Keschernetz glitt ein 6-Kilo-Spiegelkarpfen.
 
 
Ich war nun völlig geschafft und schlief um etwa 5 Uhr morgens ein. Um 11 Uhr vormittags weckte mich die angenehme Spätsommersonne. Ich rief einen Angelkollegen an, der noch darüber scherzte, dass der 9-Kilo-Fisch dieser Nacht wahrscheinlich der Gleiche sein würde, wie der von voriger Woche, dann räumte ich meinen Angelplatz auf, um nach Hause zu fahren.
 
Unterwegs machte ich Halt bei einer Tankstelle, um noch eine Kleinigkeit zu essen. Dabei ließ ich die Nacht revue passieren und betrachtete die Fotos auf meiner Cam. Dort waren auch die Aufnamen vom Karpfen der letzten Woche drauf, und erst jetzt kam ich auf die Idee, sie mit den neuen Bildern zu vergleichen. Schon bald dämmerte mir, dass mein Kumpel wirklich recht haben könnte, und daheim am Computer war es Gewissheit. Ich hatte exakt den selben Spiegelkarpfen wie letzte Woche gefangen. Zwischen den beiden Fängen lag eine Zeitspanne von genau sieben Tagen und einer Stunde. Mich hätte das nicht in diesem Maße verwundert, wenn es an einem kleineren Teich oder See passiert wäre, aber an so einem Riesengewässer glich der Wiederfang doch eher einem Lotto-Fünfer!
 
 
Ich nannte den Fisch Jacqueline und hoffe heute noch, dass sie mir wieder eines Tages an den Haken gehen wird, vielleicht mit ein paar Kilogramm mehr auf den Rippen!
Polsi


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